Gerda friert.

Frieren ist übrigens eine natürliche Reaktion des Körpers auf Kälte.

 
18Januar
2020

Reisegruppe

Samstagmorgen, Kaffeezeit. Heute ist frei. Es ist vergleichsweise warm draußen, weiterhin unter Tage nur einstellige Minusgrade. Ich mache mich an die Hausaufgaben und an meine Mütze. Mittags gehe ich Nudeln mit Gemüse und einen Gurkensalat im uigurischen Nudelladen essen. Einer der Männer dort hört in ohrenbetäubender Lautstärke abwechselnd Musik, abwechselnd scheint er ein Videotelefonat zu führen.

 

Ich beschließe einen kleinen Spaziergang zu machen. An der Straße stehen die Mülltonnen mit den Speiseresten draußen. Diese Art von Tonnen haben hier nur die Restaurants. Und sie stinken unerträglich, einige sind ausgelaufen und das Ausgelaufene ist teilweise am Boden festgefroren. Ich gehe im Supermarkt vorbei und kaufe was zu trinken. Der Verkäufer hinter dem Tresen befestigt so Tragedingsbumse über dem Flaschenhals, damit ich die Flaschen besser tragen kann. Äh, nee, die steck ich in den Rucksack.

 

Danach mache ich eine kleine Runde über den Campus. Die Eisskulpturen sind teilweise geschrumpft, teilweise sind Stücke abgebrochen. Auf den Rutschen aus Eis turnen Schülergruppen herum, die von Reiseleiterinnen mit Fähnchen in der Hand mittels Megaphon aufgefordert werden, auf die Sicherheit zu achten. Weiter hinten scheinen die Eltern der Schüler*innen näherzukommen. Auch sie in Begleitung von Reiseleiterinnen mit Fähnchen. Die Eltern rutschen aber nicht. Ist wohl eine Universitätsgeländebesichtigung oder so. Ich drehe nach links ab und gehe wieder heim. Abgesehen von diesen Gruppen ist der Campus fast vollständig vereinsamt, die Student*innen sind schon (fast) alle nach Hause gefahren.

17Januar
2020

Kochbücher

Ob ich auch Sojamilch will, wie immer, werde ich beim in der Schlage Stehen im Baoziladen gefragt. Klar! Dann wird sie gleich zusammen mit der Bestellung vor mir abgefüllt. Ja, irgendwie dauert es ein paar Wochen anzukommen und dann muss man schon wieder weiter. Und natürlich will ich auch noch Baozi. Ich bin ein bisschen früher dran als sonst. Meine Mitschülerin ist auch schon da und büffelt Vokabeln. Die Lehrerin kommt gleich darauf. Heute gibt es ein nicht enden wollendes Diktatdesaster. Wir hätten das doch gestern alles schon besprochen. Ach ja, da war was. Unsere Vorstellungen von „besprechen“ differieren etwas. Vielleicht ist ein bisschen mehr Zeit für die Vokabeln eben doch keine so schlechte Idee.

 

Im Konversationskurs kommen wir wieder ordentlich vom Thema ab. Statt ums Wetter geht es irgendwann um Pflanzen und ihre Vegetationsphasen. Wobei, die sind ja auch vom Wetter abhängig. Die Lehrerin meint, sie kenne gar keine Lektion über Pflanzen. Der seine Klamotten nicht waschende Mitschüler kommt den dritten Tag in Folge mit seinem ungewaschenen Pullover zu spät. Den Rest der Zeit piepst sein Handy, auf das er starrt, alle paar Minuten. In der Pause unterhält er sich mit dem nicht duschenden über das Abchecken von Frauen. Ich muss hier raus!

 

Zu Hause mache ich mir Reste warm und klamme mich dann hinter den Schreibtisch, bis ich am Nachmittag den Bus zum Buchladen nehme. Der Bus ist gar nicht so voll und auch recht warm, da vergehen die Minuten der Busfahrt recht entspannt. Im Buchlanden angekommen lande ich nach dem ersten Umsehen in der Ecke mit den Kochbüchern. Es gibt Regalmeter über japanische Küche, noch mehr über Tee, wofür ich nicht viel übrig habe, und Teekultur, wovon ich nichts verstehe, ein bisschen was zur Küche vom Rest der Welt, Bücher im Stil von „288 Rezepte, die man auch ohne das Hirn anzuschalten zusammenrühren kann“, Nudelbücher, Teigtaschenbücher, allerhand Backbücher nicht chinesischen Ursprungs, Reis-, Hirse- und andere Schleimvariantenbücher (merkt man, dass ich das nicht mag?) und dann noch ein bisschen was zu Esskultur und so.

 

In der Ecke mit den Esskulturbüchern unterhalten sich, sehr hartnäckig am Ort festhaltend, drei Angestellte über die Erkältung der einen, die da auf dem Stuhl sitzt. Sie bekommt die Erkältung nämlich nicht weg, aber die Medizin findet sie zu teuer. Irgendwann setzt laute Musik ein, der ich keine weitere Bedeutung zumesse, es ist erst kurz nach fünf und Lärm ist ja normal. Als dann die Angestellten in Jacken an mit vorbeigehen, wundere ich mich so langsam doch.

 

Ich nehme meinen Bücherstapel und gehe zur Rolltreppe. Wo muss ich zahlen? Erster Stock? Wo ist das Klo? Dritter Stock. Ich lege die Bücher ab und springe die bereits ausgeschaltete Rolltreppe nach oben. Oben ist es dunkel, nur drei Frauen stehen noch herum, bereits in dicke Jacken eingepackt. Wo ist das Klo? Da wo das Licht scheint! Ahh, einleuchtend! Einmal schnell den Gang runter. Dann die Rolltreppe runter, mit den Büchern zur Kasse und raus. Puh.

 

Mit dem Bus fahre ich zu Carrefour und kaufe Kaffee nach. Den gibt‘s nur da. Als ich vor dem Regal stehe, stellt sich eine Verkäuferin neben mich. Honig? Hä? Du suchst doch Honig? Ignoriermodus an. Der Honig ist da hinten. Ich nehme ein Päckchen Kaffee aus dem Regal. Du willst doch Honig kaufen. Ich gehe wortlos an ihr vorbei, einen Gang weiter. Sie stellt sich wieder neben mich. Komm, der Honig ist auf der anderen Seite. Gleich landet sie im Honigfass! Und alles nur, weil ich vor sieben Wochen einmal eine Minute vor dem Honigregal stand!

 

Und nun stehe ich ganz ohne Honig natürlich an der Kasse, an der es wie immer am längsten dauert. Langsam macht sich Hunger breit, ich kaufe mir kurzum ein paar Minuten später im Einkaufszentrum eine Ladung Reis mit kalten Vorspeisen oben drauf. Als ich mir fröhlich Sesamsoße, die eigentlich für die auch dort verkauften Nudeln gedacht ist, drüber kippe, schaut mich die Dame hinter dem Tresen etwas sehr fragend an. Ob das schmeckt? Ja, meine ich.

16Januar
2020

Mal wieder Spieße

Baozi, Baozi. Hauptsache was zum Frühstück. Gestern war ich zwar voll, aber auch nicht so richtig satt. Die neue Lehrerin meint, man müsse die Texte und die Vokabeln schneller durchhecheln, und rast wie blöd durch 30 Wörter durch. Das ist ihr tägliches Ziel. Eine Lektion schaffe man in drei Tagen. Meine Mitschülerin beschwert sich, ihr sei das zu viel. Mein Heft ist voll, ich schreibe auch noch den Einband voll. Bei 30 neuen Vokabeln schafft man auch keine Beispielsätze. Ob das so sinnvoll ist?

 

Im Konversationskurs geht es um das Wetter. Das Wetter hier und das Wetter da. Der Quoten-Mark aus dem letzten Buch ist jetzt zum Quoten-John mutiert. Unsere Lehrerin meint, kein ausländischer Student würde jemals so gut Chinesisch lernen, dass er so gute Texte schreiben könne. Das habe ein Chinese einen Ausländer imitiert. Ich finde das immer wieder so aufbauend, mit welchen Lehrmethoden man so konfrontiert wird.

 

Mittags gehe ich frittierte Eierfruchtstreifen im Teigmantel mit fruchtig-süßer Soße essen. Lecker! Am Nachbartisch sitzen zwei mit einem großen Koffer. Die Student*innen fahren alle heim, die Prüfungen sind um, bald ist das Frühlingsfest. Ich nehme die Reste mit und gehe heim. Eigentlich will ich dann später zum Buchladen fahren, aber so richtig Lust zum Busfahren habe ich auch nicht. Also mache ich Hausaufgaben und hole das Sportprogramm von gestern nach. Geht schon wieder besser.

 

Da ich seit Tagen mal wieder zum Spießchen-Laden will und es heute nicht so richtig eiskalt ist, raffe ich mich auf und gehe die paar hundert Meter. Ach, ich freue mich. An der Tür begegnet mit ein Mann, an den ich mich nicht erinnern kann, auf einem Tisch schlafen zwei Frauen. Am großen runden Tisch im vorderen Bereich steigt eine harmlose Party. Ich werde auf die andere Seite des Raums geschickt. Bestelle Tofuröllchen, Süßkartoffeln, Salat, Eierfrucht und eine Kanne heißes Wasser.

 

Die nette Frau taucht dann auch auf. Wenig später bringt sie eine ca. 20cm Durchmesser aufweisende Schüssel voller Salat. Ob ich denn zum Frühlingsfest nicht nach Hause fliege, will sie wissen. Nee, aber doch auch schon bald. Und ob ich wieder komme? Hm, mal sehen. Mir wird so ein bisschen schwer ums Herz. Die Damen der Partygesellschaft haben ihr Schwätzchen jetzt auf den Bereich innerhalb bzw. direkt vor der Toilette verlagert. Ich weiß ja nicht, ob das so angenehm ist, aber gut. Ich brauche noch ein Spießchen mit Kartoffelscheiben, um das Knoblauchgehäcksel von der Eierfrucht aufzuessen.

15Januar
2020

Seifenoper

Wir sitzen heute wieder nur zu zweit im Unterricht, aber heute gibt es trotzdem Diktat. Eine gute Seite. Für meine russische Mitschülerin ist es heute der letzte Tag im warmen Harbin. Morgen früh fliegt sie zurück nach Hause nach Sibirien. Sie freut sich sichtlich. Endlich ist sie auch das chinesische Essen los, das sie nicht mag. Zumindest ist ihr auf Nachfrage hin kein Gericht eingefallen, das sie mag. Die Lehrerin will wissen, wie warm es in Sibirien gerade ist. Die Mitschülerin sucht schnell auf dem Handy, minus 34 Grad, das sei eigentlich ganz ok. Was sie denn da anziehe, fragt die Lehrerin entsetzt. Ein bisschen mehr als heute, meint sie.

 

Im Konversationskurs kommt nach ein paar Minuten ein neuer Mitschüler hinzu. Er ergänzt ganz fabelhaft den, der nicht duscht. Er wäscht nämlich ganz offensichtlich seine Klamotten nicht. Leider sieht man das nicht nur an den Flecken auf der Vorderseite seines Pullovers und den Dreckrändern an Ärmeln und Kragen. Man kann es auch ohne die Augen zu nutzen wahrnehmen. Der nicht duschende hat dank trockener Luft ein Problem mit seiner Haut, die ist nämlich auch trocken. Der nicht waschende empfiehlt Vaseline. Das lehnt der nicht duschende aber ab. Ich brauche echt keine chinesischen Seifenopern.

 

Mittags gibt‘s die Reste vom Vortag und Hausaufgaben. Nachmittags noch die Reste vom Mittagessen. Eigentlich alles nicht gerade viel, aber ich fühle mich voller als mir lieb ist. Irgendwie träge. Und meine Zweck-WG nervt mich heute wieder. Die Erfindung von Klinken ist hier noch angekommen, und wenn ich mich früher immer über WGs amüsiert habe, in denen jeder eine eigene Tüte Milch im Kühlschrank hatte, so freut mich heute doch sehr, dass wir sogar jede eigenes Klopapier haben, natürlich auch in unterschiedlichen Farben. So muss ich mich nämlich nicht für das verantwortlich fühlen, das oft genug neben dem Mülleimer liegt. Ja, man schmeißt das in den Müll, nicht ins Klo! Statt Sport mache ich an der neuen Mütze weiter. Da sehe ich schneller Erfolge.

14Januar
2020

Fernsehen!

Der Dienstag beginnt mit Kaffee. Im Baoziladen sind die Baozi aus. Und ich habe soooo Hunger. Dafür kommt die neue Lehrerin. Sie macht gleich mal ein Diktat, weil die andere gesagt hat, wir machen täglich Diktat. Das Diktat besteht zur Abwechslung auch aus ganzen Sätzen und die übliche Vorbereitungszeit direkt davor gibt es bei ihr auch nicht. Egal. Geht schon.

 

Die neue Lehrerin meint, wir sollen mehr fernsehen für das Hörverständnis, gut seien da chinesische Seifenopern, da lerne man auch viel Umgangssprache. Ich mag die ja so gar nicht, nicke heute dank Baozientzug aber einfach mal brav.

 

Kaum ist Pause flitze ich auch schnell zum Baoziladen. Hach, jetzt gibt es welche. Heute will ich gleich drei! Die Baoziverkäuferin will mir aber nur zwei geben. Warum, will ich hungrig wissen? Der dritte sei gebrochen! Egal, meine ich, der gehe beim Essen so oder so kaputt. Das gibt dann fünf Mao Rabatt.

 

Im Konversationskurs hören wir uns den Lektionstext an, machen Aufgaben dazu. Man versteht echt nichts. Der tödlich nervige Lautsprecher spuckt nur Gerausche aus. Ich lass mir von der Lehrerin die Texte auf meinen USB-Stick ziehen. Zu Hause kann ich mir das nämlich ohne Rauschen anhören.

 

Nachmittags ist Zeit für Hausaufgaben und Sport, dann gehe ich essen. Ich gehe los, und schau, was sich so findet. Bei mir im Innenhof ist ein koreanisches Restaurant, darauf habe ich jetzt aber keine Lust. Auf der nächsten Querstraße stehen draußen vor einem Laden ein paar Aufsteller. Sieht ganz gut aus, was da abgebildet ist. Ich gehe in den Hausflur, eine Treppe hoch, durch eine Tür, um eine Ecke, noch durch eine Tür uns stehe in einem Raum, der mich eher an ein Esszimmer erinnert.

 

Eine Frau mittleren Alters kommt aus der Küche, ich frage, ob es denn noch was zu essen gäbe, es ist immerhin schon halb acht. Ja, gibt‘s. Dann bestelle ich Eierfrucht und Süßkartoffeln in Karamel. Während ich warte, kommt ein Mann mit Einkäufen zurück. Aus einer Tüte ragt Gemüse, die andere scheint voller Fisch zu sein. Wir halten ein kleines Schwätzchen. Da ich mich wohl etwas missverständlich ausgedrückt habe, packen sie mir das essen zum mitnehmen ein. Auch egal. Dann schau ich mir jetzt eine Doku zum Abendessen an, ich soll ja mehr fernsehen!

13Januar
2020

Marshmallow und Zuckerwatte

Nach Kaffee und Dusche gehe ich los zum Baoziladen, Frühstück einkaufen. So langsam haben sie sich auch daran gewöhnt, mich da jeden Morgen zu sehen und der Mann, der die gestapelten Dampfkörbe nach draußen trägt, wo sie dann vor dem Laden auf den Dampfkessel gestellt werden, begrüßt mich ebenso freundlich wie die Frau, die mir welche einpackt. Hach, das hat schon ein bisschen was vom Gefühl zu Hause zu sein.

 

Im Unterricht besprechen wir die neuen Vokabeln. Eine davon ist Marshmallow. Was man halt so braucht. Ich frage nach, ob man in China Marshmallows auch über dem Feuer grillt. In dem Moment habe ich das Gefühl, dass meine Lehrerin mich jetzt endgültig für vollkommen durchgeknallt hält. Sie will wissen, wie das gehen soll? Man steckt sie auf einen Stecken und grillt sie. Sie zückt ihr Smartphone, tippt etwas ein, und zweigt uns ein Foto von Zuckerwatte? Die da? Nee, meinen meine Mitschülerin und ich, kleiner. Sie tippt noch einmal, dieses Mal findet sie ein Bild von dem, was wir als Marshmallow bezeichnen. Da gibt‘s wohl im Chinesischen nur ein Wort dafür. Seltsam findet die Lehrerin die gegrillten Marshmallows dennoch.

 

Im Konversationskurs beginnen wir heute mit dem neuen Buch. Es ist auch nicht so großartig anders als das letzte, hat aber eine andere Farbe und neue Themen. Auch welche, die nicht ganz so sehr aus der Luft gegriffen sind, wie das sonst mitunter der Fall ist. Ich mag den Kurs gern.

 

Eigentlich ist das Wetter momentan wieder wärmer, aber so ganz bin ich meine Erkältung doch noch nicht los, also lasse ich das Joggen besser sein, auch wenn es mich in den Füßen juckt. Spätnachmittags gibt‘s ein bisschen Sport und dann verlasse ich das Haus noch einmal, um ein paar Jiaozi essen zu gehen. Später am Abend schickt die Lehrerin noch eine Nachricht, dass sie aus familiären Gründen ab morgen nicht mehr kommen wird. Ohje.

12Januar
2020

Und wieder Sonntag

Sonntagmorgen, Kaffeezeit. Meine Mitbewohnerin bringt wohl ihre Freundin zum Bahnhof. Viel wird heute nicht passieren. Ich bleibe weitestgehend zu Hause und kümmere mich brav um die Hausaufgaben und mache ein kleines Sportprogramm. In den letzten Tagen habe ich recht wechselhaft geschlafen, Rücken und Schulter sind verspannt, teilweise richtig hart. Dem versuche ich entgegenzuwirken und dabei nicht zu übertreiben. Mittags gibt es die Reste vom Vortag, Abends gehe ich noch essen. Es gibt im Teigmantel frittierte Eierfrucht mit süßsaurer Soßen drüber und Gemüse, das man in kleine Pfannkuchen einrollen kann.

11Januar
2020

Synagoge, Schokolade, Stäbchen

Auch am Samstagmorgen bin ich gegen halb sieben wach. Zum Baozikaufen gehe ich nicht vor die Tür, ich habe noch genug Reste im Kühlschrank, die als Frühstück herhalten müssen. Gegen Mittag mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Heute will ich das Museum in der neuen Synagoge besuchen. Ich weiß nicht sonderlich viel darüber, nur dass es ein Kunstmuseum und eine Ausstellung über jüdisches Leben in Harbin beheimaten soll. Mal sehen. Mit dem Bus fahre ich bis zu einem Einkaufszentrum, sehe vom Bus aus schon das Straßenschild der Straße, in der das Museum sein soll und gehe dann nach dem Aussteigen erst über eine Brücke und schließlich eine kleine Gasse entlang in Richtung Museum.

 

 

Unterwegs passiere ich eine Restaurants, die ganz verlockend aussehen und ein Schild, das auf eine Kampfkunstschule hinweist. Der Innenhof sieht aber eher nach, ähm, chaotischem chinesischem Innenhof ohne weitere Hinweise auf Kampfkunst aus. Vielleicht dank koreanischer Konkurrenz geschlossen?

 

 

Ich betrete wenig später die neue Synagoge. Der Ticketstand außerhalb ist nicht besetzt. Am Türknauf baumeln kleine Glöckchen, die den Angestellten die Ankunft neuer Besucher ankündigen. Röntgengerät und Detektor sind außer Betrieb. Die Eintrittskarte (25 Yuan) gibt‘s an einem provisorischen Tischchen, auf dem Teebecher stehen.

 

 

Im Erdgeschoss sind Bilder aus Harbin ausgestellt. Einerseits Aquarelle, von denen viele Kirchen darstellen, andererseits auch groß abgezogene Fotos. Von den Autos, die man sehen kann, schätze ich recht viele auf in den späten 1990er oder frühen 2000er Jahren aufgenommen. Es ist auf jeden Fall weniger los und Fahrräder sieht man auch noch mehr.

 

 

 

Auf der Galerie im ersten und zweiten Stock ist die Geschichte der Juden in Harbin dokumentiert. Man sollte hier allerdings keine chronologische oder thematische Ausstellung erwarten, es ist eher ein buntes Sammelsurium aus Fotografien vergangener Tage, späterer Besuche, Kopien einiger Dokumente und ein paar szenisch ausgestellten Artefakten. Das ganze zweisprachig chinesisch und englisch, wobei am Übersetzer ganz klar gespart wurde. Nicht jedes 同 steht für "homo". ;-)

 

 

Dass auch diese Ausstellung eine politische Botschaft transportieren soll, zeigt sich ganz gut darin, dass und wie man auch Bilder ehemaliger jüdischer Bewohner Harbins (oder deren Nachfahren) zusammen mit politischen Würdenträgern Chinas zeigt. Und auch der zum Zeitpunkt der Erstellung der Ausstellung wohl noch amtierende israelische Ministerpräsident Ehud Olmert ist beim Besuch des jüdischen Friedhofs zu sehen.

 

Im Museum treffe ich dann noch einen chinesischen Studenten, der sich mit mir unterhalten will. Er wollte ja eigentlich in die Sophienkathedrale, aber die wird ja bekanntermaßen renoviert. Dann kam er halt hierher. Er ist aus Henan, studiert in Changchun und macht gerade mit seinen Freunden einen Ausflug. Dass ich allein unterwegs bin, verwundert ihn etwas. Man muss doch besser mit seinen Freunden reisen. Wir machen ein Selfie zusammen, dann geht er weiter. Ich kaufe noch einen Kühlschrankmagneten mit Brot und Wurst drauf und gehe dann ebenfalls.

 

Auf der Zhonyanglu betrete ich schnell einen russischen Supermarkt. Eine Frau neben der Rolltreppe brüllt immer dann in ihr Megaphon, wenn jemand neben ihr steht oder an ihr vorbei geht. Oben gibt es Schokolade und massenhaft Alkoholika. Schokolade aus Russland ist hier irgendwie ein Verkaufsschlager. Es gibt sogar welche mit 100%, die mehr als nur eine Zutat hat. Mir ist Russland als Schokoladenland bis vor ein paar Wochen komplett unbekannt gewesen.

 

Ich habe Hunger und gehe zurück in die Straße mit den vielen Restaurants. Als ich durch das Fenster des einen blicke, kommt jemand heraus und fragt, was ich denn wolle. Essen. Ich soll reinkommen. Nagut, mache ich. Die Karte sieht gut aus, ich bestelle irgendein Gericht mit Tofu und trinke eine Cola. Der Mann will sich gern auch noch etwas mit mir unterhalten. Er hat für frühen Nachmittag schon ordentlich getankt. Ein anderer stellt fest, dass ich mit Stäbchen essen kann. Echt ein Hexenwerk. Eine Gabel hatte ich tatsächlich vor sechs Wochen das letzte Mal in der Hand. Das heißt auch, heute sind zwei Drittel meines Aufenthalts um, in drei Wochen bin ich wieder zu Hause. Ich nehme die Reste mit und gehe weiter.

 

 

Ich gehe über die kleine Fußgängerbrücke und betrete dann das sich dort befindende Kaufhaus. Im Erdgeschoss ist eine große Markthalle. Das ist ja immer besser als Fernsehen, weil man da so viel Schräges, Witziges und Leckeres zu sehen und zu kaufen bekommt. Ich nehme Blätterteigteilchen - Tausendschichtenkuchen (千层饼) - vom Blech für zwei Yuan zum Probieren mit. Vorsicht heiß! Entgegen meiner Befürchtung sind sie auch gar nicht süß. Seht gut.

 

Oberhalb der Markthalle ist ein großes Einkaufszentrum, diesmal scheinbar ohne Taekwondostudio, und unter der Markthalle erstrecken sich noch eine Fressmeile und ein Supermarkt. Ich gehe noch schnell in den Supermarkt, um meinen Wochenendeinkauf zu erledigen. Als ich schnell feststelle, dass ich doch ein Körbchen hätte mitnehmen sollen, gehe ich zum Eingang zurück. Die dort rumstehende Verkäuferin wedelt wild mit den Armen in der Luft herum, will aber scheinbar nichts zu mir sagen. Sie kommt wild wedelnd auf mich zu, während ich weiter in Richtung Ausgang gehe. Sie wedelt weiter, ich ignoriere sie, nehme mir einen Korb, drehe mich um und gehe zurück. Ihr Kollege lacht sich kaputt. Eine andere Verkäuferin empfiehlt mit Kaffeepulver mit Milchpulver und Zucker. Im Bierregal gibt‘s lauter deutsches Bier, von dem ich noch nie gehört habe. Mit dem Einkauf im Gepäck, ohne Kaffee und Bier, fahre ich heim.

 

Als wir vor der Universität nach rechts abbiegen kann man den aufgehenden Mond über dem Campus sehen. Bald rund, groß, rotorange. Ein junger Mann macht die neben ihm sitzende junge Frau freudenstrahlend darauf aufmerksam, und sie sehen ihn sich ganz verzückt an. Ich bin auch durchaus begeistert. Noch mehr von der Reaktion der beiden als vom Mond, um ehrlich zu sein.

10Januar
2020

Gurken in Sesamsoße

Heute haben wir es von Zielen. Die Mitschülerin, die neulich mit dem großen Becher Perlentee im Unterricht saß, meint ihres sei ja abnehmen. Da lässt es sich die Lehrerin nicht nehmen, ihr gleich mal einen Vortrag zu halten. Sie solle auf jeden Fall weniger von dem Perlentee trinken, man brauche nämlich eine ganze Woche, um den vielen Zucker wieder abzubauen. Und auch sonst besser keine süßen Getränke. Auch keine ohne Zucker, die seien nämlich auch nicht gesund. Und sie solle weniger Fleisch essen, und auch weniger Fett. Mehr Gemüse. Da werden die Augen der Mitschülerin immer größer, während sie fast unter dem Tisch zu versinken scheint. Heute steht allerdings nur eine Flasche Wasser vor ihr. Zum Glück hat die andere Mitschülerin nur das Ziel gut Chinesisch zu lernen, um dann einen guten Job zu finden. Das ist keinen Vortrag wert.

 

Mittags gehe ich beim Uiguren Nudeln mit Gemüse essen. Irgendwie ist das so langsam so ein Verlegenheitsmittagsessen geworden, wenn ich nicht weiß, was ich will und weder Lust zum Nachdenken noch zum Kochen habe. Die frisch gezogenen Nudeln werde ich vermissen. Zu meinen Nudeln bestelle ich mir noch einen Teller mit Gurkensalat. Er kommt in einer trüben, braunen Soße. Appetitlich sieht es nicht gerade aus, aber es schmeckt echt vorzüglich mit der Sesampaste drin. Der Mann mir gegenüber schlurft seine Nudeln.

 

Meine Mitbewohnerin war heute nicht im Unterricht. Nachmittags finde ich einen Zettel in der Küche und einen Matcha-Muffin. Sie fährt heute zu ihrer Freundin nach Changchun. Morgen kommen sie beide zurück. Das wird heute immerhin mal ein ruhiger Abend werden.

 

Später wasche ich meine Wäsche. Die Waschmaschine pumpt allerdings nicht ab. Super. Also ziehe ich die nassen Klamotten aus der blauen Brühe und hänge sie an der Dusche auf, wo sie vor sich hin tropfen. Ich schicke Ayi ein Bild. Sie will sich morgen kümmern. Spät am Abend versuche ich es noch einmal, da pumpt die Maschine dann doch noch ab.

09Januar
2020

Die blaue Blume der Tang-Dynastie

Mit Baozi im Gepäck mache ich mich auf in die Sprachschule. Wir sitzen heute nur zu zweit im Unterricht. Das bedeutet, heute auch kein Diktat. Dafür lässt sich die Lehrerin darüber aus, dass das bei den beiden anderen, die heute nicht da sind, schon immer dringend nötig sei. Ich finde das fürchterlich unangenehm und möchte am liebsten unter dem Tisch versinken.

 

Dann sprechen wir über Leute, die kein gutes Benehmen an den Tag legen. So wie rotzen und spucken. Das läge an der mangelnden Bildung, meint meine Lehrerin, auch rauchen in der Öffentlichkeit gehöre dazu. Wobei ich letzteres hier deutlich seltener wahrnehme als zuvor andernorts. Mag aber sein, dass das auch mit am kalten Wetter liegt.

 

Meine Lehrerin erzählt, dass ihre Oma sich, weil sie kein Geld hatte und es ohnehin keine Zugtickets zu kaufen gab, nach Maos Tod zu Fuß nach Peking aufgemacht habe, um ihn noch einmal zu sehen. Er habe ja so viel Gutes für das Land getan. Ich unterdrücke das Bedürfnis unter dem Tisch zu versinken genau so wie das zu widersprechen. Wir sollen mal zu Hause was über Mao nachlesen, damit wir China besser verstehen können, gibt sie uns mit auf den Weg.

 

Im Konversationskurs hören wir heute Texte an und machen Übungen dazu. Nebenan übt eine Gruppe im Chor die Aussprache von Wörtern. Ein anderer Schüler erhält Einzelunterricht. Auch nicht gerade leise. Die Aufnahme rauscht, ist echt schwer verständlich. In dem einen der Texte geht es um Porzellan. Konkret um Porzellan mit blauen Blumen drauf. Diese Hörverständnisübungen rauben mir mitunter den letzten Nerv. Bei den Antworten ist gern mal nur ein Zeichen falsch. Wehe, man hat das nicht verstanden. In unserem Beispiel geht es um die Dynastie, aus der ein Porzellanteller stammt. Ist es die Tang? Ich frage (mich), ob es in der Tang-Dynastie denn überhaupt schon Porzellan mit blauer Bemalung gab. Die Lehrerin weiß es auch nicht. Wie gut, dass wir im Unterricht so fleißig was über die Kultur und Geschichte lernen. Äh, ja.

 

Abends gehe ich Eierfrucht und Tofustreifen mit Koriander essen. Der Kellner fragt, ob ich wirklich zwei kalte Gerichte wolle? Aber die Eierfrucht kommt, wie beim letzten mal, ohnehin wieder warm an. Und mhhh, frischer Koriander. Die Kerl am Nachbartisch rotzt rum. Er steht auf, spuckt in den Mülleimer, setzt sich wieder hin. Dann beginnt das Spiel von vorne. Sehr appetitlich. Ich fühle mich an den Unterricht erinnert.